Ein Abenteurer in der Warenwelt

Was wir von einem Kritiker lernen können - eine Erinnerung

Von Rüdiger Suchsland

 

 

Die Filmkritik kommt immer erst nach dem Film. Aber auch sie darf nicht fehlen im Gesamtkonzert dessen, was wir Kino nennen.

Höchste Zeit, endlich an einen ihrer bedeutendsten Vertreter zu erinnern, an den Mann, der die Filmkritik in ihrer modernen Form eigentlich erst begründet hat.

Wer war Siegfried Kracauer?

Kracauer wurde 1889 in Frankfurt geboren, wuchs dort auch auf, studierte Architektur (wie Fritz Lang) und Philosophie, zunächst in Darmstadt, dann in Berlin und München. Der Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg blieb ihm erspart – denn er war in Osnabrück bei der Stadtverwaltung angestellt. Dann kam er wieder nach Frankfurt, fing bei der “Frankfurter Zeitung” als Feuilletonist und Kritiker an, gehörte bald zum Umkreis des neugegründeten Instituts für Sozialforschung”, der Frankfurter Schule, war gut befreundet mit Theodor W. Adorno, Leo Löwenthal, Walter Benjamin und Ernst Bloch.

Dann ging er Mitte der Zwanziger Jahre nach Berlin – wo er für diese Frankfurter Zeitung berichtete und bald zum wichtigsten Filmkritiker der Weimarer Republik und überhaupt zu einem ihrer wichtigsten Feuilletonisten wurde.
1933 wurde er von den Nazis nach Paris vertrieben, und lebte nach dramatischer Flucht, die glücklicher ausging, als die seines Freundes Walter Benjamin ab 1941 für die letzten 25 Jahre seines Lebens in New York, wo er auch diejenigen Bücher schrieb, die heute seine berühmtesten sind.

Es ist überfällig, an ihn zu erinnern, denn wir können viel von ihm erfahren. Eigentlich ist es unglaublich, ein kleiner Skandal, dass man überhaupt in Deutschland an Siegfried Kracauer erst erinnern muss, und nicht jeder halbwegs Gebildete ihn kennt. Einstweilen gilt leider, dass Kracauer so ziemlich in jedem Land der Welt, egal wo man fragt, bekannter ist, als in seinem Heimatland.
Das hat seine Gründe, die man allenfalls andeuten kann, wenn man daran erinnert, wie nach dem Krieg mit den Emigranten umgegangen wurde, vor allem mit denen, die auch nach der Niederlage des Faschismus sperrig blieben.

 

Kracauer lesen!

Man muss, um sein Genie zu erkennen, Kracauer einfach lesen. Was hat der Mann alles geschrieben! Nicht nur seine bekannten dicken filmhistorischen und filmtheoretischen Bücher: “Von Caligari zu Hitler”; “Theorie des Films”. Sondern auch Filmkritiken, fast 1000 in knapp zwölf Jahren! Da muss heute niemand über das Internet und neue Vielschreiberei klagen, sich künstlich aufregen – das war immer so für einen aktiven, leidenschaftlichen Zeitungsautor.
Daneben schrieb er auch noch unzählige weitere Texte für die Zeitung, Feuilletons über alles Mögliche: Über Regenschirme, Literatur, die Tiller-Girls, und – ein wunderbarer Band – über “Straßen in Berlin und anderswo”. Kracauer war ein Pop-Autor, als es diesen Begriff noch gar nicht gab.
Kracauer war aber auch der Autor von Romanen. Er schrieb eine Biographie – nicht zu einem Filmregisseur, sondern über den Operettenkomponisten Jacques Offenbach. Und eine soziologische Studie über “Die Angestellten”.

Was dies alles verbindet: Ein kompromissloses, seismographisches Interesse an der Zeitgenossenschaft und an der Signatur seiner Gegenwart. “Es wäre gut, etwas von seiner Zeit zu wissen.” war sein Motto.

Diese Vielfalt, der Pluralismus – nicht verstanden als Beliebigkeit, sondern als Neugier und Offenheit, die Standortlosigkeit als Kardinaltugend eines Kritikers und Intellektuellen (und das dürfen auch Journalisten sein) ist die wichtigste Lektion Kracauers.

Kracauer schrieb in einer Zeit, die für das deutsche Kino die allerbeste war. Nicht nur, weil deutsche Filme damals Hollywood Paroli bieten konnten, sondern weil die Filme selbst ein später nie wieder erreichtes Niveau hatten und von einer unglaublichen Vielfalt der Mittel, Stile und Geschichten geprägt waren, vom phantastischen Film über das Melodram, bis zum Neorealismus und der Nouvelle Vague avant la lettre. Es war eine wagemutige, kluge Epoche für das deutsche Kino – und Kracauer ist der Beweis, dass Qualität der Filme und der Filmkritik einander bedingen.

Schade, dass wir in Deutschland unsere eigene Vergangenheit dermaßen vergessen haben und ignorieren, dass auch die Filmförderung heute weitgehend zu ignorieren scheint, dass Science-Fiction und Fantasy und vieles mehr eigentlich aus Deutschland stammen, und hier ihren Anfang nahmen, keineswegs in anderen Ländern.

Was wir, nicht nur als Filmkritiker, sondern als Menschen, die das Kino lieben, von Kracauer heute lernen könnten, ist Folgendes:

 

Film ist eine Ware

Kracauer hat immer daran erinnert, dass Filmkritik und auch das Kino insgesamt eine ökonomische Basis braucht. Und heute, in diesen Tagen und auch schon vor der Finanzkrise wird die ökonomische Basis der Filmkritik wie die des Qualitätsjournalismus überhaupt, leider zunehmend prekär.

“Der Film” so hat Kracauer formuliert, “ist eine Ware, wie andere Waren auch.” Das ist das Gegenteil von irgendeiner irgendwie elitären Haltung – man wirft das manchem gerne vor -, die sich in einem Elfenbeinturm, verschanzt. Allerdings, das noch dazu, geht es auch nicht darum, nun gerade noch den letzten Elfenbeinturm einzureißen, die Festungen des Mainstream aber links liegen zu lassen.
Aber man muss immer die Ware Kino sehen und die Bedingungen unter denen sie produziert und vertrieben wird. Filmkritik ist eben nicht nur am Ästhetischen interessiert und sie ist alles andere als schöngeistig. Diesen Blick auf die Ökonomie, den können wir von Kracauer lernen.
Aber etwas zweites hat Kracauer gleich dahinter geschrieben:

 

“Der Film erschöpft sich nicht darin, Ware zu sein.”

Was wir also auch von Kracauer lernen könnten, das ist der Blick auf Politik und Gesellschaft. Damit gemeint ist gerade kein Verständnis von Filmkritik als Ideologiekritik in dem Sinn, dass die Kritik ideologisch zu sein, hätte – nein: Aber sie hat die Ideologien, die sich im Film verstecken aufzuspüren und zu benennen. Das heißt Ideologiekritik.
Politische, gesellschaftskritische Filmkritik ist vielmehr die Einsicht – aus Erfahrung! – das Filme uns eben viel erzählen, sehr viel mehr, als wir ahnen, darüber, was in unserer Gegenwart, in den Köpfen der Menschen, vielleicht auch ihrem Unbewußten vor sich geht.
Filme tragen einen Überschuß in sich, sie wissen mehr als ihre Macher, ihre Zeitgenossen, und vielleicht auch mehr als andere Künste – gerade weil sie mehr als andere Künste auch Ware sind, und sich an Massen richten.

 

Was ist also ein Kritiker im Sinne Kracauers?

Ein Kritiker ist ein Vermittler; er ist ein Verteidiger, ein Anwalt;
Ein Verteidiger des Komplizierten gegen das Allzu-Eingängige;
Ein Verteidiger des Provisorischen gegen das “Runde”, Fertige;
Ein Verteidiger des Konsequenten gegen das Kompromisslerische;
Ein Verteidiger des Ästhetischen gegen die Moral;
Ein Verteidiger des Spontanen und Plötzlichen gegen das Abgeklärte und “Seriöse”.

 

Was Kracauer getan hat, das war zusammengefasst Folgendes:

- Er trat ein für Vielfalt – gegen Homogenisierungstendenzen
– Er trat ein für eine nicht dogmatische, aber normative Ästhetik – im Meer des Beliebigen.
– Er trat ein fürs Kino – wo man nur von “Film” redet, und jedes Abspielmedium meint. “Barry Lyndon” oder “Außer Atem” auf dem Handy zu gucken ist eine Horrorvorstellung.
– Kracauer erinnert auch bis heute daran – mitten im Zeitalter der digitalen Manipulierbarkeit der Bilder – dass Kino einmal das herausragende Medium des Authentischen, ein Medium der – ich bitte um Verzeihung für den überaus altmodischen Ausdruck – Wahrheit war.

Kracauers Texte sind engagierte und wie schon gesagt neugierige Untersuchungen des Lebens. Seine filmische Poetik nimmt die Poesie nie wichtiger als die Realität.
Kracauer erinnert uns daran, dass Filmkritik nicht mit Wohlgefallen verwechselt werden muss, nicht immer nur zu Begeisterung hinreißen muss. Es gibt eben auch eine Schönheit der Filmkritik wie des Kinos, die Widerstände oder gar Widerspruch hervorruft, deren unaufhörlicher Reiz gerade darin besteht, uns immer wieder gereizt zu machen. Filmkritik als schönes Ärgernis – weil es widerständig ist.
Kracauers Texte sind kleine, große, blitzende, mutige Manifeste gegen Passivität und Weltschmerz, gegen jene luxuriöse Schwermut, die uns alle gern in Versuchung führt.
Darum sind seine Texte auch Manifeste für das Kino.

 


Anmerkung:
Dies ist die schriftliche, leicht veränderte Fassung einer kurzen Ansprache zur Verleihung des 1. Siegfried-Kracauer-Preises für Filmkritik am 23.November 2013 in Berlin, im Arsenal-Kino