Siegfried Kracauer

Die “Kracauer-These”

“Rettungslos der Regression verfallen, mußte die Mehrheit des deutschen Volkes sich einfach Hitler ergeben. Da Deutschland so verwirklichte, was in seinen Filmen von Anfang an bereits angelegt war, nahmen die Leinwandgestalten tatsächlich Leben an. Als personifizierte Tagträume, die Köpfen entsprangen, denen Freiheit ein tödlicher Schock und das Jungsein ständige Versuchung bedeutete, füllten diese Figuren die Arena im Deutschland der Nazis.

Der leibhaftige Homunculus ging um. Selbsternannte Caligaris hypnotisierten zahllosen Cesares Mordbefehle ein. Rasende Mabuses begingen wahnsinnige Verbrechen und gingen straffrei aus, und irre Iwans erdachten unerhörte Folterungen.

Viele von der Leinwand her bekannte Motive wurden in dieser unheiligen Prozession zu lebendigen Ereignissen. In Nürnberg erschien das Ornament der Masse aus den “Nibelungen” in gigantischen Ausmaßen: ein Meer von Flaggen und Menschen, die kunstvoll ausgerichtet waren.”

©Suhrkamp Verlag


Über “Das Cabinet des Doktor Caligari”

“Mag es Absicht sein oder nicht, “Caligari” legt eine Seele bloß, die zwischen Tyrannei und Chaos hin und her gezerrt wird. Sie ist in einer verzweifelten Lage, denn auf ihrer Flucht vor der Tyrannei gerät sie unausweichlich in einen Zustand äußerster Verwirrung. …
Es ist daher nur folgerichtig, daß der Film eine alles durchdringende Atmosphäre des Grauens verbreitet. Wie die Naziwelt, so quillt die des “Caligari” von unheilvollen Vorzeichen, Terrorakten und Ausbrüchen der Panik über. Die Gleichsetzung von Grauen und Hoffnungslosigkeit erreicht ihren Höhepunkt in der Schlußepisode.”